Das Schlimmste, was einer
Frau heute gesagt werden kann, ist: Du bist wie deine
Mutter! - "Ein Satz, der manche Frauen bis ins Mark
erschüttern kann", meint jedenfalls die Berliner
Autorin Simone Schmollack, "denn genau das wollte eine
Frau niemals - sein wie ihre Mutter." Die Geschichten
über Mütter und Töchter, die Schmollack in ihrem neusten
Band zusammengetragen hat, zeugen von jener komplizierten,
oft schmerzhaften und fast immer widersprüchlichen
Beziehung, die Mütter und Töchter ein Leben lang
miteinander verbindet.
Wenn eine Frau eine andere
auf die Welt bringt, sind beide auf besondere Weise
miteinander verbunden: In der Kindheit stellt die Mutter für
ihre Tochter die engste Bezugsperson dar. Ihr vertraut das Mädchen
seine Geheimnisse an, angefangen bei schlechten
Schulzensuren bis hin zum ersten Liebeskummer.
Engste
Bezugsperson
Doch schon während der
Pubertät beginnen erste Auseinandersetzungen, ein Verhältnis,
das manchmal in absolutem Schweigen endet. "Früher
oder später werfen sich Mütter und Töchter Unzulänglichkeiten
vor und überhäufen sich mit Schuldzuweisungen",
analysiert Beziehungsforscherin Schmollack: "Sie finden
keine gemeinsame Sprache. Häufig stehen sie sich als
Konkurrentinnen gegenüber, und manche Tochter sagt: Meine
größte Feindin ist meine Mutter."
"In der Tochter erlebt
die Mutter viele Situationen und Hoffnungen ihres Lebens ein
zweites Mal", sagt die Wiener Psychologin Sabine
Standenat. "Das erschwert die Distanz, die für eine
gute Beziehung nötig ist. Töchter wollen ihr Leben leben
und eigene Fehler machen." Frauen kommen in ihre
Therapiestunden und berichten: "Ich laufe heute noch
der Anerkennung nach, die sie mir nie gegeben hat ... Ständig
hat sie an mir herumkritisiert ... Nichts war richtig ...
Sie will immer alle beherrschen, das will sie heute noch.
Ich fühle mich heute noch schuldig, wenn ich etwas tue, was
ihr nicht recht ist."
Geschichten von Müttern
und Töchtern sind so facettenreich wie vielschichtig.
"Wir hatten schon Streit, da war ich noch gar nicht
geboren. Meine Mutter war vierzig, als sie mit mir schwanger
war. Ich war das erste Kind, doch glücklich war sie
nicht", erzählt Andrea bei Simone Schmollack.
"Meine Mutter ist eine emotionslose Frau. Mütterliche
Wärme kenne ich nicht. Ich sehnte mich nach einer Mutter,
der ich mich anvertrauen konnte, wenn ich Kummer
hatte", berichtet Marlén. Anders war es bei Nina: Als
ihre Mutter starb, verlor sie die wichtigste Bezugsperson.
"Unsere unausgesprochenen Prinzipien waren
bedingungslose Liebe, bedenkenloses Vertrauen und unerschütterliche
Vertrautheit."
Auch wenn nicht alle Frauen
selbst Mütter sind, so habe doch jede Frau ganz gewiss eine
Mutter, sagen die französische Psychoanalytikerin Caroline
Eliacheff und die Soziologin Nathalie Heinich über die
Identitätsfindung von Frauen. "Und mit dieser müssen
sie sich fast schon schicksalhaft auseinander setzen - ob
sie es wollen oder nicht." Dabei gibt es sie in allen
Spielarten: Die Übermutter, die Ungerechte, die Überlegene,
die Gescheiterte, die Liebende, die Rabenmutter . . .
Die wenigsten Mütter genügen
dem Ideal ihrer Töchter. Obwohl sie die ersten Vertrauten
und wichtigsten Vorbilder sind, werden sie später
diejenigen sein, von denen sich die Töchter am meisten
abgrenzen wollen. Egal, ob Hausfrau oder Karrierefrau,
verheiratet oder allein erziehend, eines haben alle
Mutterbilder gemeinsam: Töchter können sich ihrem Einfluss
nicht entziehen.
Mütter sind dabei, wenn
sich Frauen für einen Beruf entscheiden - oder gegen die
Karriere. Sie beeinflussen, wie sich ihre Tochter kleidet
und welche Frisur sie trägt, wenn sie über Familie und
Kinder nachdenkt. Warum Mütter und Töchter der heutigen
Generation sich so häufig nicht verstehen, habe viele
Ursachen. Oft fänden beide einfach keinen gemeinsamen
Nenner, meint Psychologin Standenat: Weil sich die Junge
nehme, was der Älteren vorenthalten blieb. Und weil die
eine es mit einer Selbstverständlichkeit tue, die der
anderen völlig fremd sei. Die französischen
Bestsellerautorinnen Eliacheff/Heinich überraschen mit
einer weiteren These: Auf dem Weg zu einem entspannten
Miteinander spielt womöglich ein Dritter im Bunde - der
Vater oder eine andere Bezugsperson - die entscheidende
Rolle dafür, ob die Ablösung gelingt.

Wenn eine Frau eine
andere auf die Welt bringt . . . sind beide auf besondere
Weise miteinander verbunden. Die Beziehung zu ihrer Mutter
ist für jede Frau von grundlegender Bedeutung für die
Entwicklung ihrer Persönlichkeit - und ihres eigenen
Selbstverständnisses.
"Ich wollte nie so werden wie
sie" - Mütter und Töchter - eine Beziehung voller Nähe
und Enttäuschungen
www.ksta.de/forum-mutter-tochter
(dieses Forum gibt es wohl nicht mehr)
Aktuelle Neuerscheinungen:
Caroline Eliacheff/Nathalie Heinich: Mütter und Töchter
- ein Dreiecksverhältnis, 350 Seiten, Patmos Verlag, 24,90
Euro.
Simone Schmollack: Ich wollte nie so werden wie
meine Mutter - Geschichten von Frauen zu einer ganz
besonderen Beziehung, 320 Seiten, Schwarzkopf &
Schwarzkopf Verlag, 9,90 Euro.