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Aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 22.03.2004

Wir haben jetzt auch eine Forum-Seite(seit 11.07.2004)

"Ich wollte nie so werden wie sie"

Mütter und Töchter - eine Beziehung voller Nähe und Enttäuschungen
Wenn Frauen unter sich sind, reden sie nicht über Männer, sondern über ihre eigene Mutter. Eine komplexe, oft dramatische Beziehung fürs Leben.

VON KATRIN VOSS

Das Schlimmste, was einer Frau heute gesagt werden kann, ist: Du bist wie deine Mutter! - "Ein Satz, der manche Frauen bis ins Mark erschüttern kann", meint jedenfalls die Berliner Autorin Simone Schmollack, "denn genau das wollte eine Frau niemals - sein wie ihre Mutter." Die Geschichten über Mütter und Töchter, die Schmollack in ihrem neusten Band zusammengetragen hat, zeugen von jener komplizierten, oft schmerzhaften und fast immer widersprüchlichen Beziehung, die Mütter und Töchter ein Leben lang miteinander verbindet.

Wenn eine Frau eine andere auf die Welt bringt, sind beide auf besondere Weise miteinander verbunden: In der Kindheit stellt die Mutter für ihre Tochter die engste Bezugsperson dar. Ihr vertraut das Mädchen seine Geheimnisse an, angefangen bei schlechten Schulzensuren bis hin zum ersten Liebeskummer.

Engste Bezugsperson

Doch schon während der Pubertät beginnen erste Auseinandersetzungen, ein Verhältnis, das manchmal in absolutem Schweigen endet. "Früher oder später werfen sich Mütter und Töchter Unzulänglichkeiten vor und überhäufen sich mit Schuldzuweisungen", analysiert Beziehungsforscherin Schmollack: "Sie finden keine gemeinsame Sprache. Häufig stehen sie sich als Konkurrentinnen gegenüber, und manche Tochter sagt: Meine größte Feindin ist meine Mutter."

"In der Tochter erlebt die Mutter viele Situationen und Hoffnungen ihres Lebens ein zweites Mal", sagt die Wiener Psychologin Sabine Standenat. "Das erschwert die Distanz, die für eine gute Beziehung nötig ist. Töchter wollen ihr Leben leben und eigene Fehler machen." Frauen kommen in ihre Therapiestunden und berichten: "Ich laufe heute noch der Anerkennung nach, die sie mir nie gegeben hat ... Ständig hat sie an mir herumkritisiert ... Nichts war richtig ... Sie will immer alle beherrschen, das will sie heute noch. Ich fühle mich heute noch schuldig, wenn ich etwas tue, was ihr nicht recht ist."

Geschichten von Müttern und Töchtern sind so facettenreich wie vielschichtig. "Wir hatten schon Streit, da war ich noch gar nicht geboren. Meine Mutter war vierzig, als sie mit mir schwanger war. Ich war das erste Kind, doch glücklich war sie nicht", erzählt Andrea bei Simone Schmollack. "Meine Mutter ist eine emotionslose Frau. Mütterliche Wärme kenne ich nicht. Ich sehnte mich nach einer Mutter, der ich mich anvertrauen konnte, wenn ich Kummer hatte", berichtet Marlén. Anders war es bei Nina: Als ihre Mutter starb, verlor sie die wichtigste Bezugsperson. "Unsere unausgesprochenen Prinzipien waren bedingungslose Liebe, bedenkenloses Vertrauen und unerschütterliche Vertrautheit."

Auch wenn nicht alle Frauen selbst Mütter sind, so habe doch jede Frau ganz gewiss eine Mutter, sagen die französische Psychoanalytikerin Caroline Eliacheff und die Soziologin Nathalie Heinich über die Identitätsfindung von Frauen. "Und mit dieser müssen sie sich fast schon schicksalhaft auseinander setzen - ob sie es wollen oder nicht." Dabei gibt es sie in allen Spielarten: Die Übermutter, die Ungerechte, die Überlegene, die Gescheiterte, die Liebende, die Rabenmutter . . .

Die wenigsten Mütter genügen dem Ideal ihrer Töchter. Obwohl sie die ersten Vertrauten und wichtigsten Vorbilder sind, werden sie später diejenigen sein, von denen sich die Töchter am meisten abgrenzen wollen. Egal, ob Hausfrau oder Karrierefrau, verheiratet oder allein erziehend, eines haben alle Mutterbilder gemeinsam: Töchter können sich ihrem Einfluss nicht entziehen.

Mütter sind dabei, wenn sich Frauen für einen Beruf entscheiden - oder gegen die Karriere. Sie beeinflussen, wie sich ihre Tochter kleidet und welche Frisur sie trägt, wenn sie über Familie und Kinder nachdenkt. Warum Mütter und Töchter der heutigen Generation sich so häufig nicht verstehen, habe viele Ursachen. Oft fänden beide einfach keinen gemeinsamen Nenner, meint Psychologin Standenat: Weil sich die Junge nehme, was der Älteren vorenthalten blieb. Und weil die eine es mit einer Selbstverständlichkeit tue, die der anderen völlig fremd sei. Die französischen Bestsellerautorinnen Eliacheff/Heinich überraschen mit einer weiteren These: Auf dem Weg zu einem entspannten Miteinander spielt womöglich ein Dritter im Bunde - der Vater oder eine andere Bezugsperson - die entscheidende Rolle dafür, ob die Ablösung gelingt.

Wenn eine Frau eine andere auf die Welt bringt . . . sind beide auf besondere Weise miteinander verbunden. Die Beziehung zu ihrer Mutter ist für jede Frau von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit - und ihres eigenen Selbstverständnisses.

"Ich wollte nie so werden wie sie" - Mütter und Töchter - eine Beziehung voller Nähe und Enttäuschungen
www.ksta.de/forum-mutter-tochter (dieses Forum gibt es wohl nicht mehr)

Aktuelle Neuerscheinungen:

Caroline Eliacheff/Nathalie Heinich: Mütter und Töchter - ein Dreiecksverhältnis, 350 Seiten, Patmos Verlag, 24,90 Euro.

Simone Schmollack: Ich wollte nie so werden wie meine Mutter - Geschichten von Frauen zu einer ganz besonderen Beziehung, 320 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 9,90 Euro.

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Bücher zum Thema: wenn die Tochter vom Vater aufgezogen worden ist, die fehlen: vielleicht kommt mal eine Journalistin ...  .  

 23.04.2006

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